Ich wollte ein Reisebuch schreiben. Jetzt liegt da eine Leiche im Wald.

Eigentlich wollte ich irgendwann ein Reisebuch schreiben.
Die Idee gab es fast von Anfang an. Zweieinhalb Jahre unterwegs, ständig neue Länder, Begegnungen, Pannen, absurde Situationen und diese kleinen Geschichten, die einem meistens dann passieren, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann – Stoff wäre also genug da. Mein Blog war dabei immer auch ein bisschen mein Notizbuch. Ich habe dort während unserer Reise geschrieben und Erinnerungen festgehalten. Vermutlich hat sich dabei auch meine Art zu schreiben verändert. Zumindest hoffe ich das. 😜 Immer wieder bekam / bekomme ich Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern, dass sie meine Geschichten gern lesen, dass ich „so schön schreibe“, was auch ein Grund ist, weshalb die Idee nach wie vor in mir brodelte, doch eigentlich mal ein Buch daraus zu machen. Also gut. Irgendwann ein Reisebuch. So war der Plan.
Heute liegt stattdessen eine Leiche im Wald.
Das war so nicht vorgesehen.
Schuld war eigentlich Rico
Vor ein paar Monaten hatte ich ein Projekt als Ghostwriterin. Ich schrieb im Auftrag einer Autorin einzelne Szenen für ihr Buch. Das war spannend, aber auch deutlich schwieriger, als einfach irgendeine Geschichte herunterzuschreiben. Meine Szenen mussten sich schließlich so in ihren Roman einfügen, dass später niemand merkt, dass zwischendurch plötzlich jemand anderes die Finger auf der Tastatur hatte. Ich musste ihren Ton treffen. Ihre Art, Dialoge zu schreiben. Ihren Rhythmus. Ihre Figuren „verstehen“ und „fühlen“. Das war eine ziemlich interessante Erfahrung, hat mich aber anfangs zugegebenermaßen etwas Nerven gekostet.
Und irgendwann sagte Rico morgens beim Kaffee ganz beiläufig: „Du könntest doch auch einfach selbst einen Roman schreiben.“
Tja. Man sollte wirklich aufpassen, was man mir beim morgendlichen Kaffee für Ideen in den Kopf setzt.
Von da an saßen wir morgens mit unseren Tassen da, blickten auf die bewaldeten Berge und diskutierten darüber, was für ein Roman das überhaupt werden könnte.
Liebesroman? Nein.
Fantasy? Auch eher nicht.
Historischer Roman? Um Gottes willen, allein die Recherche.
Und Krimi? Meine spontane Antwort war ziemlich eindeutig: „Auf gar keinen Fall. Krimis gibt es doch wie Sand am Meer.“
Zu diesem Zeitpunkt hörte ich ausgerechnet einen humorvollen Bayern-Krimi. Und irgendwann zwischen Kaffee (naja, oder abends ab und an auch ein Gläschen Wein), Bergen und Hörbuch kam die Frage auf: Bayern-Krimis gibt es inzwischen reichlich. Ostsee-Krimis auch. Nordsee-Krimis sowieso.
Aber wie viele Krimis kennt man eigentlich, die in einem kleinen rumänischen Dorf spielen?
Da war sie: Die Idee, die ich eigentlich gar nicht haben wollte.

Ein rumänischer Krimi mit einem kleinen Problem
Nun könnte ich natürlich einfach einen Kriminalroman über Rumänien schreiben. Nur gibt es dabei ein nicht ganz unwichtiges Detail: Ich habe keine Ahnung, wie die rumänische Polizei einen Mordfall bearbeitet.
Und auch wenn es ein Roman ist, möchte ich nicht einfach irgendeinen deutschen Polizeiapparat nehmen, ein paar rumänische Namen darüberstreuen und behaupten, das passe schon. Ein bisschen glaubwürdig sollte es schließlich bleiben. Also entstanden nach und nach die nächsten Gedanken:
Was wäre, wenn gar nicht die Polizei im Mittelpunkt steht? Was wäre, wenn dort eine deutsche Familie lebt? Eine Familie, die nach Rumänien ausgewandert ist. Damit war das eine Probleme vielleicht gelöst, aber ein anderes hatte ich nach wie vor. Denn irgendwo hinten in meinem Kopf saß immer noch dieses Reisebuch und die Erlebnisse aus 34 Ländern wollten auch erzählt werden. Was sollte denn nun aus all unseren Reisegeschichten werden? Und dann kam der Satz, der plötzlich alles zusammengefügt hat:
Was wäre, wenn diese Familie, bevor sie nach Rumänien gezogen ist, selbst lange auf Reisen gewesen wäre?
Damit war Familie Weltner geboren.
Ein bisschen wir. Aber eben nicht wir.
Vanessa, Paul und ihre Teenager-Tochter Lilly leben in einem kleinen fiktiven Dorf in Rumänien: Gaița Mare. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten zu uns. Es wäre vermutlich sogar ziemlich schwierig, über eine Familie in genau dieser Lebenssituation zu schreiben, ohne etwas vom eigenen Alltag hineinzupacken. Paul liebt es, Dinge zu bauen, zu reparieren und sich mit irgendwelchen handwerklichen und technischen Problemen zu beschäftigen. Das dürfte Menschen, die Rico kennen, nicht völlig überraschen.
Lilly besitzt einen ziemlich trockenen Humor. Auch das kommt mir bekannt vor.
Und Dijon, der Hund der Familie? Nun ja. Wer Orle kennt, wird vermutlich nicht sehr lange rätseln müssen.
Selbst einige der Hühner, die im Buch namentlich auftauchen, laufen tatsächlich bei uns über den Hof.

Bei Vanessa ist die Sache komplizierter. Wie viel von mir in ihr steckt und an welchen Stellen sie sich deutlich von mir entfernt, darüber muss ich wahrscheinlich selbst noch ein bisschen nachdenken.
Vielleicht ist das ohnehin eine Frage, die ich erst beantworten kann, wenn das Buch irgendwann fertig ist.
Gaița Mare gibt es nicht. Irgendwie aber doch.
Das Dorf, in dem die Geschichte spielt, ist erfunden. Das war mir wichtig. Ich wollte kein reales rumänisches Dorf nehmen und anfangen, seinen Bewohnern Morde, Geheimnisse und allerlei andere Dinge anzudichten, nur weil ich zufällig seine Straßen kenne. Also entstand Gaița Mare. Trotzdem hat das Dorf sehr viel von dem Ort, an dem wir tatsächlich leben.
Die Lage. Die bewaldeten Berge. Der Blick beim morgendlichen Kaffee. Teile des Dorfaufbaus. Auch das Grundstück der Weltners ist stark an unser eigenes angelehnt.

Viele kleine Begebenheiten stammen ebenfalls aus unserem echten Alltag. Ein Nachbar, der einmal in der Woche Milch bringt, aus der Käse gemacht wird. Geschichten rund um einen Brunnen. Tiere. Werkstätten. Nachbarn, die plötzlich irgendwo stehen. Diese ganzen unspektakulären Dinge, aus denen das rumänische Dorfleben eben besteht.
Die Menschen selbst sind dagegen erfunden. Natürlich inspirieren mich Menschen, denen wir hier begegnen. Einzelne Eigenheiten, Situationen oder Verhaltensweisen können irgendwo ihren Weg in eine Figur finden. Aber die Bewohner von Gaița Mare sind keine versteckten Porträts unserer echten Nachbarn. Zumindest werde ich ganz sicher keine Liste veröffentlichen mit: „Dieser hier ist übrigens der.“
Alles in allem dürfen die Leser ruhig selbst rätseln, wer oder was ein reales Vorbild hat, welche Dorfszene sich tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt hat – und was komplett meiner Fantasie entsprungen ist. 😁
Was wirklich passiert ist
Wenn Vanessa im Roman von ihrer früheren Reise erzählt, dann bediene ich mich nicht aus irgendeiner erfundenen Vergangenheit. Diese Erinnerungen gehören uns. Die Länder, die Begegnungen, die kleinen Katastrophen und absurden Situationen – das haben wir genau so erlebt. Dadurch ist der Roman inzwischen zu einer ziemlich eigenwilligen Mischung geworden. Fiktiver Kriminalfall trifft auf echte Reisegeschichten, autobiografische Schnipsel und unser heutiges Leben in Rumänien. Was davon erfunden ist und was nicht, darf ruhig ein bisschen verschwimmen.
Das Merkwürdigste: Ich wusste lange nicht einmal, wer stirbt
Ich hatte erstaunlich lange keinen Plan, wer eigentlich die Leiche sein würde. Was für einen Krimi vermutlich eine eher unkonventionelle Herangehensweise ist. Stattdessen habe ich zuerst Menschen erfunden. Wer lebt im Dorf? Wer kann sich nicht ausstehen? Wer hilft wem? Wer weiß Dinge über die anderen? Wo stehen die Häuser? Welche Wege führen durchs Dorf? Wo beginnt der Wald? Wie lebt Familie Weltner?
Und vor allem: Wie bringe ich Vanessas Vergangenheit und ihre Reisegeschichten in die Handlung, ohne dass sie ständig völlig grundlos dasitzt und denkt: Ach, das erinnert mich übrigens an unseren Grenzübertritt nach…
Ich habe Dorfpläne gezeichnet, Beziehungen zwischen Figuren entwickelt, mir ihre Häuser vorgestellt und immer mehr Einzelheiten hinzugefügt. Nur dieser kleine Punkt fehlte noch: der Mord.
Und irgendwann dann war er plötzlich da. Nicht im Sinne von „Ich fand morgens tatsächlich jemanden im Wald“. Keine Sorge. 😄 Sondern in meinem Kopf. Auf einmal wusste ich, wer stirbt. Dann kamen die Umstände dazu. Und plötzlich passten Dinge zusammen, die ich vorher entwickelt hatte, ohne zu wissen, wofür ich sie später brauchen würde. Das ist vermutlich das Faszinierendste am Schreiben dieses Romans: Ich hatte nie einen ausgeklügelten Plan. Vieles ist einfach nach und nach entstanden und hat sich miteinander verbunden. Und irgendwie hat plötzlich alles Sinn ergeben.
Manchmal habe ich eher das Gefühl, ich schreibe die Geschichte nicht nur. Ich entdecke sie beim Schreiben.

Beim Bloggen kenne ich das Ende
Wenn ich einen Blogbeitrag schreibe, ist die Sache normalerweise überschaubar. Ich weiß schließlich schon, was passiert ist. Ich war ja dabei. Ich kenne den Anfang, das Ende und meistens auch die Pointe. Dann muss ich das Erlebte nur noch sortieren, ein bisschen Humor hineinwerfen und versuchen, niemanden mit drei Seiten über irgendeine völlig belanglose Grenzkontrolle zu langweilen.
Beim Roman ist das anders. Wenn ich an Gaița Mare schreibe, verschwinde ich regelrecht darin.
Ich sehe die Straßen vor mir. Die Häuser. Die Werkstattscheune. Den Hof. Die Berge. Ich weiß, wo die Menschen wohnen und wie sie aufeinander reagieren. Und plötzlich sind ein paar Stunden vergangen. Rico kann vermutlich ein Lied davon singen, wie ansprechbar ich währenddessen noch bin.
Was ich vorher nicht erwartet hatte: Figuren entwickeln irgendwann eine Art Eigenleben. Nein, sie sprechen nachts nicht zu mir. So weit ist es noch nicht. 😜
Aber irgendwann kennt man eine Figur so gut, dass man merkt: Nein. Das würde sie niemals sagen. Oder: Das passt überhaupt nicht zu ihr. Dann kann man zwar versuchen, sie trotzdem durch die geplante Szene zu prügeln. Aber meistens merkt man beim Lesen sofort, dass etwas nicht stimmt.
Und so verändert sich die Geschichte immer wieder ein kleines Stück.
Und was wird jetzt aus dem Reisebuch?
Wahrscheinlich nichts. Zumindest kann ich mir im Moment nicht vorstellen, ein klassisches Buch über unsere gesamte Reise zu schreiben. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe. Aber ich weiß momentan nicht, wie ich zweieinhalb Jahre, 34 Länder und all diese Erlebnisse so in ein Buch packen sollte, dass daraus mehr wird als eine sehr lange chronologische Nacherzählung.
Und einige der Geschichten haben inzwischen ohnehin einen anderen Platz gefunden. Sie leben weiter in Vanessas Geschichte. Sie tauchen dort auf, wo sie zur Handlung passen. Vielleicht gefällt mir genau das sogar besser. Unsere Reise bleibt dadurch ein Teil des Buches, ohne dass das Buch über unsere Reise sein muss. Was am Ende daraus wird? Keine Ahnung.
Ich habe schließlich nicht einmal von Anfang an gewusst, wer sterben würde.
Aber im Moment sitze ich sehr gern in Gaița Mare.
Und bevor ich darüber nachdenke, doch noch ein Reisebuch zu schreiben, habe ich ohnehin erst einmal ein anderes Problem:
Erst einmal liegt da schließlich noch eine Leiche im Wald. Und irgendjemand muss ja herausfinden, warum.


One response
Na da bin ich aber gespannt. 😉
Ich habe schon lange überlegt ein Reisetagebuch zu schreiben. Ob aber die Zeit dafür da ist ? Es geht ja bald los und es sind so viele kleine Dinge die erledigt werden müssen. Ich glaube ihr kennt das auch. Ich habe auch vor einen kleinen Film zu drehen. Mal sehen was das neue Handy so hergibt.
Ich wünsche dir gutes Gelingen..
Grüße vom Opa Udo